Kompass

Der D—Arts Kompass versammelt unterschiedliche Wissensformen zu den jeweiligen Begriffen: Definitionen, Studien, künstlerische Praktiken oder Konzepte, die für eine macht- und diskriminierungskritische sowie diversitätssensible Praxis im Kulturbereich zentral sind. Er macht multidimensionale Zugänge zu Wissen und Praxis sichtbar: Künstlerisches, aktivistisches, erfahrungsbasiertes Wissen und Fachdebatten ergänzen einander und bilden gemeinsam die Grundlage für kollektive Orientierung, Sprache und ein geteiltes Verständnis.

Der Kompass ist nicht nur ein Glossar, sondern ein lebendiges Dokument vielfältiger Stimmen, das Orientierung bietet, Begriffe klärt und die gemeinsame Arbeit an einer diskriminierungskritischen, diversitätssensiblen und solidarischen Praxis unterstützt.

BEGRIFF
#Marginalisierte Künstler:innen

Marginalisierte Künstler:innen

Marginalisierte Künstler:innen sind Personen, die von struktureller Diskriminierung betroffen sind – etwa aufgrund rassistischer Zuschreibungen, Herkunft, Sprache, Religion, Klasse bzw. sozialer Herkunft, Geschlecht, Geschlechtsidentität oder -zuordnung, sexueller Identität, Alter, Behinderung oder chronischer Erkrankung sowie Aufenthaltsstatus oder Staatsbürgerschaft.

Im Kulturbetrieb haben marginalisierte Akteur:innen häufig erschwerten Zugang zu Förderstrukturen, Ressourcen, Sichtbarkeit und einflussreichen Positionen. Diese Ungleichheiten entstehen durch historisch gewachsene Machtverhältnisse, institutionelle Ausschlüsse und ungleiche Verteilung von sozialen, ökonomischen und kulturellen Ressourcen.

Einblick in Diskriminierungserfahrungen innerhalb von Kulturinstitutionen liefert die Studie „Vielfalt in Kultureinrichtungen – VINK 2019“. Sie untersucht die Erfahrungen von 234 Beschäftigten aus drei Berliner Kultureinrichtungen. 43 % der Teilnehmenden berichten von Diskriminierungserfahrungen, insbesondere in Bezug auf Geschlecht und Alter, während 5 % Rassismus-Erfahrungen angeben (Wiederhold/Pilic 2024). Der Anteil von Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund in Kulturbetrieben liegt jedoch deutlich unter dem Anteil der Berliner Stadtbevölkerung, was den vergleichsweise niedrigen Prozentsatz gemeldeter Rassismus-Erfahrungen erklären könnte (ebd.).

Für Österreich zeigt die Studie „Endbericht Soziale Lage Kunstschaffender und Kunst- & Kulturvermittler:innen 2018“, dass insbesondere soziale, ökonomische und strukturelle Faktoren den Zugang zu Kunst- und Kulturinstitutionen prägen. Soziale Herkunft und Netzwerke spielen eine zentrale Rolle bei der Überwindung finanzieller Engpässe. Künstler:innen aus wohlhabenderen oder besser vernetzten Milieus verfügen häufig über familiäre und soziale Unterstützungsstrukturen, die ihnen helfen, prekäre Lebens- und Arbeitssituationen eher zu bewältigen (ebd.).

Marginalisierte Künstler:innen arbeiten daher oft in Kunstformen, deren Zugänge weniger stark institutionell reglementiert sind, etwa in performativen Praktiken oder im Spoken Word, im Unterschied zu stärker formalisierten Bereichen wie Ballett oder Sprechtheater. Ihre künstlerische Arbeit findet häufig in Nischenräumen statt, und es wird ihnen nicht selten abgesprochen, dass ein breiteres Publikum Interesse an ihren Themen hat. Dadurch wird nicht nur ihre Position als Künstler:innen, sondern auch ihre Kunst im kulturellen Regelbetrieb häufig weniger anerkannt.

Moving Voices

2004

Audio-Collage, Interviews & Arrangement
Zoe Gudovic

Musik
Tahereh Nourani

Audio Design
Andrej Ostroški

Der Begriff umfasst zudem Künstler:innen, die aufgrund ihrer kritischen Positionierung gegen Marginalisierung selbst Ausschluss oder Zensur im Kulturbetrieb erfahren – etwa weil sie sich gegen Tokenisierung einsetzen oder bestehende Machtverhältnisse hinterfragen.

Insgesamt bezeichnet der Begriff Künstler:innen, die aufgrund ihrer sozialen, ökonomischen oder institutionellen Position erschwerten Zugang zu Ressourcen, Förderstrukturen, Sichtbarkeit oder Entscheidungsprozessen im Kulturbereich haben. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie marginalisierte Perspektiven im Kulturbetrieb sichtbarer gemacht werden können.

D—Arts zentriert marginalisierte Stimmen, um zu verstehen, wie Diskriminierung im kulturellen Feld konkret wirkt und welche Strategien dagegen entwickelt werden können.

2023/2024 war die Künstlerin, Aktivistin und Radiomacherin Zoe Gudović im Rahmen des Fellowship-Programms von kültüř gemma! am D—Arts Projektbüro tätig. Für ihr Fellowship adaptierte sie ihre Radioshow Ženergija und entwickelte daraus das Format Ženergija presenD—Arts, in dem jeweils zwei Vertreter:innen aus Mitgliedsvereinen und -institutionen miteinander ins Gespräch kommen. Insgesamt kamen 21 Akteur:innen zu Wort, um Perspektiven auf die homogene Wiener Kulturszene und Möglichkeiten kritischer Intervention zu teilen.

Für die Abschlusspräsentation im Rahmen des Events moving spaces by kültüř gemma! entwickelte Gudović die Audioinstallation Moving Voices (2024). Durch die Collage von 21 Beiträgen macht die Installation hörbar, was Diskriminierung und Ausschluss im kulturellen Feld bedeuten und welche Praktiken dem entgegenwirken können.

QUELLEN

L&R SOZIALFORSCHUNG (2018): Endbericht Soziale Lage Kunstschaffender und Kunst- & Kulturvermittler:innen 2018, Link: https://www.bmkoes.gv.at/kunst-und-kultur/service-kunst-und-kultur/publikationen/berichte-studien-kunst.html

Pilić, I., & Wiederhold, A. (2025). Diversität und Diskriminierungskritik: Über Verantwortung,Transformation und die Wirkung von Kulturinstitutionen in Krisenzeiten. In: Loock, F., Poser, U., Röckrath, G., & Scheytt, O. (Hrsg.), Handbuch für Kulturmanagement. Recht, Politik & Praxis (Ausgabe 93). Franz Steiner Verlag.

Vielfalt in Kultureinrichtungen – VINK (2019): Ein Ergebnisbericht von Vielfalt entscheidet – Diversity in Leadership, Citizens For Europe (CFE) für das Berliner Projektbüro für Diversitätsentwicklung – Diversity Arts Culture, Link: https://diversity-arts-culture.berlin/sites/default/files/2021-06/vinkergebnisberichtkurzfassung.pdf